{"id":105895,"date":"2026-04-21T07:05:16","date_gmt":"2026-04-21T05:05:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/?p=105895"},"modified":"2026-04-28T05:36:29","modified_gmt":"2026-04-28T03:36:29","slug":"tannoed-johanna-bittenbinder-hein-josef-braun-kio-holzkirchen-2026","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/?p=105895","title":{"rendered":"Vom vermeintlichen Idyll zum menschlichen Abgrund"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: grey;\"><em>Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun mit dem Art Ensemble of Passau in &#8222;Tann\u00f6d&#8220;. Foto: TM<\/em><\/span><\/p>\n<blockquote><p>Theater in Holzkirchen<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Das bekannte Schauspieler-Ehepaar <a href=\"http:\/\/www.heinz-josef-braun.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun<\/a> (Wer fr\u00fcher stirbt ist l\u00e4nger tot) gastierte am 18. April mit einer Dramatisierung von Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman \u201eTann\u00f6d\u201c. Ein beklemmendes Kammerspiel, das das Publikum im ausverkauften FoolsTheater atemlos zur\u00fcckl\u00e4sst.<\/strong><\/p>\n<p>Schenkels preisgekr\u00f6nter Roman basiert seinerseits auf dem historischen Sechsfachmord von Hinterkaifeck aus dem Jahr 1922. Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun sch\u00e4len anhand des Romans wie eine Zwiebel Schicht um Schicht des sch\u00f6nen Scheins und bringen schonungslos unter Tr\u00e4nen die nackte Wahrheit ans Licht. Was als heitere l\u00e4ndliche Skizze mit Viehf\u00fctterung und Rohrnudeln beginnt, endet in einer grausam bigotten Welt voller Aberglauben, Inzest und blanker Gewalt.<\/p>\n<h2>Ein Mosaik von Stimmen<\/h2>\n<p>Die Inszenierung greift die besondere Erz\u00e4hlweise der Romanvorlage von Andrea Maria Schenkel meisterhaft auf. Anstatt einer chronologischen Handlung wird dem Publikum ein Mosaik aus Zeugenaussagen pr\u00e4sentiert. Die Menschen aus der Nachbarschaft \u2013 vom Mechaniker \u00fcber den Postboten bis hin zur Pfarrersk\u00f6chin \u2013 schildern aus ihren subjektiven Perspektiven die Geschehnisse auf dem Ein\u00f6dhof. Es ist diese dokumentarische K\u00e4lte eines Polizeiprotokolls, die das Grauen so greifbar macht.<\/p>\n<h2>Minimalistische Pr\u00e4zision<\/h2>\n<p>Das Schauspielpaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef \u201eDscharli\u201c Braun w\u00e4hlt f\u00fcr diese Schilderung den Weg der maximalen Reduktion. Mit ernsthaften Mienen, ohne begr\u00fc\u00dfendem L\u00e4cheln, starr ins Publikum blickend, betreten sie die B\u00fchne. Sie setzen sich an ihren Tisch im Zentrum der B\u00fchne und zwingen durch ihren demonstrativen Ernst dem Auditorium eine beklemmende Stille auf. Die Akteure verlassen ihre Pl\u00e4tze nie. Die einzige wiederkehrende Bewegung ist das gleichzeitige Umbl\u00e4ttern der Partituren, aus denen sie lesen, das Auf- und Absetzen des Hutes von Heinz-Josef Braun, der aber, wenn Johanna Bittenbinder vortr\u00e4gt, reglos zu einer Sphinx erstarrt. Die Inszenierung ist auf die Essenz eingedampft.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Johanna Bittenbinder die Textpassagen in gepflegtem Stil rezitiert und in ihren Pausen ihre gro\u00dfen, forschenden Augen durch das Publikum wandern l\u00e4sst, mimisch die von ihrem Mann vorgetragenen Texte kommentiert, sogar einmal leicht zur Musik mitschunkelt, erweist sich Heinz-Josef Braun als stimmlicher Modulationsk\u00fcnstler. Treffsicher charakterisiert er stimmlich einen derb-lauten Bauern, den heiseren Nachbarn Sterzer und dann leise-geheimnisvoll auch den Einbrecher \u201eMich\u201c: Der hat sich heimlich einen ganzen Tag im Stadl einquartiert und wird so unfreiwillig zum Zeugen der Tatnacht. Am Ende, bei der letzten Schilderung der schrecklichen Morde durch die Augen des M\u00f6rders, bricht Johanna Bittenbinder schlie\u00dflich in Tr\u00e4nen aus, ein ergreifender Augenblick, der die Grausamkeit der Tat tiefe Emotionalit\u00e4t verleiht.<\/p>\n<h2>Musik als expressionistische Verst\u00e4rkung<\/h2>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-full wp-image-105932\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_Komponist.jpg\" alt=\"Tann\u00f6d\" width=\"800\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_Komponist.jpg 800w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_Komponist-400x300.jpg 400w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_Komponist-200x150.jpg 200w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun mit Florian Burgmayr. Foto: TM<\/em><\/span><\/p>\n<p>Ein kongeniales Element des Abends ist die &#8211; im Programm als \u201evogelwild\u201c charakterisierte &#8211; musikalische Begleitung. Trotz eigentlich \u201eklassischer\u201c bayrischer Besetzung mit mit Akkordeon, Tenorhorn, (Florian Burgmayr), Tuba, Posaune (Leo Gmelch), Trompete (Peter Tuscher) und Schlagwerk (Yogo Pausch) biedert sich das \u201eArt Ensemble of Passau\u201c nicht an banale Volksmusik an, sondern kreiert eine groteske Klangwelt. Marschmusik, Jahrmarks-Tingeltangel, Jazz, Tango, Kirchenchoral werden aneinander gereiht und mit Dissinanzen entfremdet, die Posaune imitiert schlie\u00dflich gar ein australisches Didgeridoo: Die d\u00f6rflich-bayrische Ordnung ist total aus den Fugen geraten, die Musik zeichnet dies schaurig-vital als Klanggem\u00e4lde nach. Eine Musik irgendwo zwischen Kurt Weill und Schostakowitsch, extra f\u00fcr dieses Theaterst\u00fcck von Florian Burgmayr komponiert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-105925 size-full alignnone\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_5-schaerfer.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_5-schaerfer.png 800w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_5-schaerfer-400x267.png 400w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Yogo Pausch. Foto: TM<\/em><\/span><\/p>\n<p>Auch Yogo Pausch beeindruckt an den Perkussionsinstrumenten. Wenn er mit speichel-feuchten Fingern quietschend \u00fcber einen gro\u00dfen Gong reibt und damit quietschend die schaurige Atmosph\u00e4re des Inzests akustisch untermalt, entsteht ein G\u00e4nsehaut-Moment, der weit \u00fcber das \u00fcbliche Theatererlebnis hinausgeht.<\/p>\n<h2>Wer das gemacht hat, kann doch kein Mensch sein<\/h2>\n<p>Am Ende steht das Publikum vor der ersch\u00fctternden Frage nach der menschlichen Natur. Der T\u00e4ter von Tann\u00f6d agiert nicht im Affekt oder Blutrausch. Er geht nach eigener Aussage in wundersamer, geistiger Klarheit zu Werke, als er sie alle mit der Spitzhacke ermordet. Zun\u00e4chst in Affekt, als Rache f\u00fcr verschm\u00e4hte Liebe, dann rational ganz nach Plan. Leiche f\u00fcr Leiche. Was macht einen \u201eeigentlich\u201c ganz normalen Menschen zu so einem Un-Menschen? K\u00f6nnte das jeder\/jedem von uns auch passieren? Hat vielleicht Aleksandr Solzhenitsyn sogar recht, wenn er behauptet: \u201eDie Grenze zwischen Gut und B\u00f6se verl\u00e4uft durch das Herz eines jeden Menschen.\u201c<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-105924 size-full alignnone\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_3-schaerfer.png\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"533\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_3-schaerfer.png 800w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Tannoed_3-schaerfer-400x267.png 400w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Applaus f\u00fcr die Mitwirkenden. Foto: TM<\/em><\/span><\/p>\n<p>Trotz des geschilderten Schreckens und der offenen Fragen gab es am Ende langanhaltenden, verdienten Beifall. Ein aufw\u00fchlender Abend, der durch die Inszenierung und Darstellung nachhaltig beeindruckt und mitnimmt.<\/p>\n<p><strong>Zum Weiterlesen:<\/strong> <a href=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/art-ensemble-of-passau-kultur-im-oberbraeu-holzkirchen-2017\/\">Hinrei\u00dfende Welturauff\u00fchrungen in der Marktgemeinde<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das bekannte Schauspieler-Ehepaar Johanna Bittenbinder und Heinz-Josef Braun (Wer fr\u00fcher stirbt ist l\u00e4nger tot) gastierte am 18. April mit einer Dramatisierung von Andrea Maria Schenkels Erfolgsroman \u201eTann\u00f6d\u201c. 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