{"id":55692,"date":"2021-07-23T06:55:13","date_gmt":"2021-07-23T04:55:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/?p=55692"},"modified":"2024-01-04T15:35:44","modified_gmt":"2024-01-04T14:35:44","slug":"weinberg-geschichte-schliersee-2021","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/?p=55692","title":{"rendered":"Deutschstunde auf dem Weinberg"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"color: grey;\"><em>Sankt-Georgs-Kapelle auf dem Weinberg. Foto: Hannah Miska<\/em><\/span><\/p>\n<blockquote><p>Aufarbeitung der Geschichte in Schliersee<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um eine Gedenktafel ist in einer zivilgesellschaftlichen Anstrengung Schlierseer Geschichte aufgearbeitet worden und ein neuer Ort der Erinnerung auf dem Weinberg entstanden.<\/strong><\/p>\n<p>Mit ihren 3,8 Tonnen ist sie ein Schwergewicht: Die wei\u00dfe, leicht gekr\u00fcmmte Steinwand auf dem Weinberg, aus 27 einzelnen Steinquadern geformt. Doch nicht nur die Steine der \u00e4sthetisch sehr gelungenen Steinwand wiegen schwer \u2013 auch das Erbe der Vergangenheit sowie die zur\u00fcckliegenden Jahre des Protestes, der Konflikte und der Auseinandersetzungen in der Markt- und Pfarrgemeinde Schliersee. Stein des Ansto\u00dfes war eine in die Mauer der St.-Georgs-Kapelle eingelassene Gedenktafel zur Erinnerung an \u201e52 im Freiheitskampf um Oberschlesien anno 1921 gefallene Kameraden\u201c des Freicorps Oberland.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-55702\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Das-neue-Denkmal-auf-dem-Weinberg-Hannah-Miska-400x225.jpg\" alt=\"Geschichte Schliersee\" width=\"780\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Das-neue-Denkmal-auf-dem-Weinberg-Hannah-Miska-400x225.jpg 400w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Das-neue-Denkmal-auf-dem-Weinberg-Hannah-Miska.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Das neue Denkmal auf dem Weinberg. Foto: Hannah Miska<\/em><\/span><\/p>\n<h2>Falsche Helden<\/h2>\n<p>Die Geschichte der Tafel geht fast einhundert Jahre zur\u00fcck. Im September 1923 wurde erstmals ein Denkmal \u2013 ein Steinblock mit einem auf ihm liegenden Stahlhelm \u2013 auf dem Weinberg zur Erinnerung an die gefallenen Kameraden des Freicorps enth\u00fcllt. Illustrer Gast bei der von einem katholischen Gottesdienst begleiteten Zeremonie war unter anderem der sp\u00e4tere Reichsmarschall Hermann G\u00f6ring; die Rede hielt ein gewisser General Ludendorff, der sich nur wenige Wochen sp\u00e4ter am Hitler-Putsch beteiligen sollte. Initiator des Denkmals war der aus dem inzwischen verbotenen Freicorps Oberland hervorgegangene Bund Oberland &#8211; eine gewaltbereite Organisation mit v\u00f6lkisch-antisemitischer Gesinnung und nationalsozialistischen Verstrickungen. Auch die stellte am 9. November ein Kontingent beim Hitler-Ludendorff-Putsch in M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Von Stund an gab es Oberland-Feiern auf dem Weinberg, die an den vermeintlich glorreichen Sieg des Freicorps beim Sturm auf den Annaberg in Oberschlesien erinnerten, sehr bald aber auch zur Selbstinszenierung der Nationalsozialisten dienten. Abordnungen von SA und SS kamen regelm\u00e4\u00dfig zu Besuch und 1927 gab sich Adolf Hitler h\u00f6chstpers\u00f6nlich die Ehre.<\/p>\n<h2>Verirrte Traditionspflege<\/h2>\n<p>Die Amerikaner machten dem Spuk 1945 ein Ende, das Denkmal wurde abgerissen. Doch gab es Menschen, die sich damit nicht abfinden wollten. Bereits 1956 prangte statt des abgerissenen Denkmals die heute so umstrittene Tafel in der Mauer der Kirche \u2013 geweiht vom Pfarrer, der noch bis zu seinem Tod im Jahr 1997 jedes Jahr eine Festmesse zum Gedenken an die Oberland-K\u00e4mpfer hielt. Bereits in den achtziger Jahren und zunehmend in den Neunzigern mischten sich nun rechtsradikale Gruppen aus ganz Deutschland unter die Besucher, unter ihnen Eleonore Baur alias \u201eSchwester Pia\u201c, die sich als SS-Oberf\u00fchrerin an Unterk\u00fchlungsexperimenten im KZ Dachau beteiligt hatte, ebenso die der Ideologie ihres Vaters treu gebliebene Himmler-Tochter Gudrun Burwitz.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-55704\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Protestaktion-auf-dem-Weinberg-Privat-400x267.jpg\" alt=\"Geschichte Schliersee\" width=\"733\" height=\"489\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Protestaktion-auf-dem-Weinberg-Privat-400x267.jpg 400w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Protestaktion-auf-dem-Weinberg-Privat.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 733px) 100vw, 733px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Protestaktion auf dem Weinberg. Foto: Privat<\/em><\/span><\/p>\n<p>Doch erst nach einer Protestaktion des \u201eB\u00fcndnis gegen rechtsextreme Umtriebe im Oberland\u201c im Jahr 2007 (unter anderem mit der SPD Schliersee und Hausham, den Gr\u00fcnen\/B\u00fcndnis 90 Miesbach sowie dem IG Metall Bildungszentrum Schliersee) und nach etlichen kritischen Pressestimmen wachte der Gemeinderat auf und distanzierte sich von den unter der Reichsflagge abgehaltenen \u201eFeldmessen\u201c auf dem Weinberg. Eine inhaltliche Debatte jedoch um das Denkmal und um das Freicorps Oberland fand nicht statt.<\/p>\n<h2>Weinberg: Protest und Neubeginn<\/h2>\n<p>Das B\u00fcndnis gegen Rechts mochte sich nicht damit abfinden, dass die Geschichte nicht aufgearbeitet wird und die Gedenktafel unkommentiert an der Kirchenwand bleibt: Die Proteste gingen weiter. Es dauerte lange, bis die Kirche einlenkte: 2016 beauftragte das Erzbisch\u00f6fliche Ordinariat M\u00fcnchen den Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Katholischen Bildungswerks im Landkreis Miesbach, Dr. Wolfgang Foit, damit, eine L\u00f6sung zu finden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-55706\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Dass-ich-die-Wahrheit-sage-wo-Irrtum-ist.-Hannah-Miska-400x225.jpg\" alt=\"Geschichte Schliersee\" width=\"780\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Dass-ich-die-Wahrheit-sage-wo-Irrtum-ist.-Hannah-Miska-400x225.jpg 400w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Dass-ich-die-Wahrheit-sage-wo-Irrtum-ist.-Hannah-Miska.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist. Foto: Hannah Miska<\/em><\/span><\/p>\n<p>Foit beschloss, dass es nur gemeinsam geht, gemeinsam mit den Schlierseern, dem Gemeinderat, dem Pfarrgemeinderat \u2014 und, ja, mit Werner Hartl, dem damaligen Leiter des IG Metall Bildungszentrums in Schliersee und dem Sprecher des B\u00fcndnis gegen Rechts. Foit initiierte einen mehrschichtigen Prozess: Er gestaltete mehrere Informationsabende mit Fachvortr\u00e4gen von kompetenten Referenten und Historikern f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit, bat die Bev\u00f6lkerung um die Einsendung von L\u00f6sungen, die in einem moderierten Workshop diskutiert wurden, und er bildete ein Entscheidungsgremium aus gew\u00e4hlten Vertretern von Gemeinde und Pfarrei. Der gesamte Prozess wurde begleitet vom Institut f\u00fcr Zeitgeschichte.<\/p>\n<h2>Die Fr\u00fcchte des Zorns \u2013 der Ort der Erinnerung<\/h2>\n<p>Vor einer Woche nun, am 16. Juli, wurde der \u00d6ffentlichkeit \u2014 unter Anwesenheit von etwa drei\u00dfig Schlierseer B\u00fcrgern, Vertretern der Gemeinde und Kirche, ehrenamtlichen Mitarbeitern des Projekts sowie des K\u00fcnstlers <a href=\"http:\/\/hommage.e-lin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Erwin Wiegerling<\/a> \u2014 das Ergebnis pr\u00e4sentiert: der \u201eOrt der Erinnerung\u201c auf dem Weinberg. Die Worte von Franz von Assisi, die man auf der Vorderseite der sanft gebogenen Installations-Wand liest, sind weise gew\u00e4hlt. Auf der R\u00fcckseite ist die aus der Kapellenwand herausgel\u00f6ste alte Gedenktafel angebracht \u2013 flankiert von vier Metalltafeln mit zeitgeschichtlichen Erl\u00e4uterungen des Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignnone  wp-image-55707\" src=\"https:\/\/www.kulturvision-aktuell.de\/wp\/kulturvision-tes\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Alte-Gedenktafel-\u2013-historisch-eingeordnet.-Hannah-Miska-400x225.jpg\" alt=\"Geschichte Schliersee\" width=\"780\" height=\"439\" srcset=\"https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Alte-Gedenktafel-\u2013-historisch-eingeordnet.-Hannah-Miska-400x225.jpg 400w, https:\/\/test.kulturvision-aktuell.de\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Alte-Gedenktafel-\u2013-historisch-eingeordnet.-Hannah-Miska.jpg 680w\" sizes=\"(max-width: 780px) 100vw, 780px\" \/><br \/>\n<span style=\"color: grey;\"><em>Alte Gedenktafel \u2013 historisch eingeordnet. Foto: Hannah Miska<\/em><\/span><\/p>\n<p>Durch alle Reden der Festredner zog sich ein roter Faden: Wie wichtig es doch sei, die Vergangenheit nicht unter den Teppich zu kehren, sondern sich mit ihr \u2014 als wichtiges Fundament f\u00fcr die Zukunft \u2014 auseinanderzusetzen. Und noch etwas wurde \u2014 unisono \u2014 gelobt: Die Tatsache, dass Schliersee \u2014 anstatt die Tafel einfach abzuh\u00e4ngen\u2014 den anstrengenden Weg des Diskurses und damit einen neuen Geschichtszugang f\u00fcr die Erinnerung gew\u00e4hlt hat. Dass der jahrelange Prozess nicht immer einfach und ohne Konfrontationen ablief, deutete Werner Hartl in seiner Rede als Vertreter derjenigen an, die vor 15 Jahren den Finger in die Wunde gelegt haben und ohne die es wohl kaum ein Umdenken gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Aufarbeitung geht \u00fcbrigens weiter: Die Projektgruppe plant, ein p\u00e4dagogisches Programm f\u00fcr Sch\u00fcler und andere Besuchergruppen zu entwickeln, und wird dar\u00fcber hinaus die Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem so wichtigen Aufarbeitungsprojekt dokumentieren und publizieren.<br \/>\nStatt des Oberland-Gedenkens auf dem Weinberg, in dem an eine blutige Schlacht erinnert wird, soll nun am 21. Mai jeden Jahres eine Friedensandacht dort stattfinden. Den Weinberg kann man freilich auch an allen anderen Tagen des Jahres besuchen. Es lohnt sich \u2013 inzwischen nicht nur wegen der sch\u00f6nen Aussicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach jahrelangen Auseinandersetzungen um eine Gedenktafel ist in einer zivilgesellschaftlichen Anstrengung Schlierseer Geschichte aufgearbeitet worden und ein neuer Ort der Erinnerung auf dem Weinberg entstanden.<\/p>\n","protected":false},"author":17,"featured_media":55697,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"sfsi_plus_gutenberg_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_show_text_before_share":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_type":"","sfsi_plus_gutenberg_icon_alignemt":"","sfsi_plus_gutenburg_max_per_row":"","_exactmetrics_skip_tracking":false,"_exactmetrics_sitenote_active":false,"_exactmetrics_sitenote_note":"","_exactmetrics_sitenote_category":0,"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[109,4211],"tags":[4689,3690,3624,3742],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.8.1 - 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