Mythos oder Fakt? Das Haberfeldtreiben

Ein Haberfeldtreiben nach einer Zeichnung von Oskar Graef 1894. Foto: Waitzinger Keller

Ausstellung Haberfeldtreiben

Wenn aus der eigenen Moralvorstellung eine Hetzjagd wird, dann werden nicht nur persönliche Grenzen überschritten, sondern oftmals Leben nachhaltig beeinflusst. Was im 18. Jahrhundert mit den ersten gut dokumentierten Rügegerichten begann, findet heute im World Wide Web statt. Die Ausstellung „Das Haberfeldtreiben – Fakten und Mythos“, welche vom 27. März bis 28. April im Kulturzentrum Waitzinger Keller in Miesbach stattfindet, beleuchtet beide Formen dieser selbsternannten Moralgerichte.

Obwohl schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr in seiner ursprünglichen Form ausgelebt, hat das Haberfeldtreiben noch immer eine große Anziehungskraft auf die Menschen. Seien es Liedtexte, welche sich der bayerischen Geschichte bedienen oder die Schau-Rügegerichte zu speziellen Anlässen – um das Haberfeldtreiben ranken sich so viele Mythen und Geschichten, dass es unendlich Stoff für derartige Verwendungen gibt.

Doch was geschah damals vom 18. bis ins 19. Jahrhundert im bayerischen Oberland wirklich? Wer waren die Haberfeldtreiber und was trieb wiederum sie an? All diesen Fragen geht die umfängliche Ausstellung im Kulturzentrum Waitzinger Keller nach.

Rufschädigung bis ganz nach oben

Das erste, zumindest erste gut dokumentierte Treiben fand im Jahr 1716 in Vagen statt. Eine ledige Bauerntochter war schwanger von einem Mann aus dem Nachbarort. Eine Gruppe von 20 jungen Männern hatten sich als selbsternannte Richter zusammengetan und trieben die junge Frau vor den Augen ihres Vaters „ins Haberfeld“.


Vermummt, mit rußigen Gesichtern und als Gruppe in der Nacht kamen die Haberfeldtreiber. Foto: Selina Benda

Dabei zerstörten sie Teile des Stadels auf dem Anwesen, was der Bauer zur Anzeige brachte. Alle Beteiligten konnten ausfindig gemacht und bestraft werden, doch der Ruf der jungen Frau war in aller Öffentlichkeit unwiderruflich geschändet worden. Es war der Beginn eines Brauchs, der bis in die höchsten Gesellschaftsschichten vordringen sollte.

Das Miesbacher Stadtarchiv mit Barbara Wank, das Kulturamt sowie das Heimatmuseum Miesbach haben in Kooperation mit dem Verein „D’Haberer Miesbach“ eine beeindruckende Ausstellung konzipiert, welche die Besucher mitnimmt in die Welt der Haberfeldtreiber.

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Den historischen Abriss und die Aufarbeitung der Treiben im Landkreis Miesbach, eine Ausstellung von Fotografien des Miesbacher Vereins bis hin zu einem aktiven Teil, in welchem die Besucher Hörbeispiele der Verse erleben sowie nachgebaute Instrumente selbst bedienen können – die Veranstalter ermöglichen es, Tief in den Mythos Haberfeldtreiben einzutauchen und sich selbst ein Bild davon zu machen.

Haberfeldtreiben damals und heute

Doch selbst als die Originaltreiben mit dem bekanntesten Rügegericht im Oktober 1893 auf dem Kreuzberg in Miesbach einen Wendepunkt nahmen, verebbten sie erst viele Jahre später aufgrund der starken Verfolgung durch die Justiz. Was als aufgezwungene Moralpredigt begann, hatte sich mit der Zeit nämlich zu brutalen Akten an der Bevölkerung verändert. In dieser brachialen Form finden die Treiben heutzutage in Bayern nicht mehr statt – das bedeutet jedoch nicht, dass ausufernde Hetzjagden gänzlich der Vergangenheit angehören.


Ein Teil eines Knittelverses des Haberfeldtreibens eines Pfarrers 1841 in Irschenberg. Foto: Barbara Wank

Zwar nutzen die Täter heute nicht mehr den Schutz der Nacht und Verkleidung, jedoch aber die Anonymität des Internets, um ihren Opfern das Leben schwer zu machen. Viola Melzner, Doktorandin der Universität Regensburg, hat sich dem Thema Hassreden im Netz gewidmet und trägt ihre Erkenntnisse zum modernen Teil der Ausstellung in Miesbach bei. Abgerundet wird diese mit einer Installation der Künstlerinnen Sibylle Kobus und Sabine Köhl in der Lüftungszentrale des Kulturzentrums.

Die Ausstellung „Das Haberfeldtreiben – Fakten und Mythos“ im Kulturzentrum Waitzinger Keller Miesbach ist kostenlos zu folgenden Zeiten geöffnet: Montag bis Freitag von 9 bis 13 Uhr und donnerstags von 14 bis 16 Uhr sowie bei Veranstaltungen.

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