Alexis von Mirbach

Wie werden Medienträume wahr?

Cover des Buches von Alexis von Mirbach „Medienträume“. Foto: MZ

Ein Bürgerbuch zur Zukunft des Journalismus hat der Medienforscher Alexis von Mirbach von der LMU München verfasst. Ihre Ideen brachten auch zwei Initiativen aus dem Landkreis Miesbach ein.

Die kritische Haltung gegenüber den Mainstream-Medien äußerten bei der Open Space-Veranstaltung „Corona – Ende der Kommunikation?“ im Rahmen der „anders wachsen“-Initiative von KulturVision e.V. zahlreiche Menschen gegenüber dem Redaktionsleiter der Heimatzeitung Stephen Hank. Er resümierte: „Ich bekam die geballte Wut gegenüber der überregionalen Berichterstattung ab.“

Kommunikation
Stephen Hank, Redaktionsleiter der Heimatzeitung. Foto: Petra Kurbjuhn

Warum informieren sich immer mehr Menschen bei „Alternativmedien“, dem der gute, sauber recherchierte Journalismus gegenübersteht? Und was ist guter Journalismus? Alexis von Mirbach hat zu dieser Frage mit 33 Medienkritikern aus der Zivilgesellschaft aus ganz Deutschland geforscht. Die Ergebnisse sind in dem Buch „Medienträume“ zusammengefasst und sollen eine Handlungsempfehlung für medienpolitische Entscheider in der Demokratiekrise sein.

Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit ist das Projekt Media Future Lab im Rahmen des Forschungsverbundes ForDemocracy. Dieses von Michael Meyen initiierte Projekt soll die gesellschaftliche Teilhabe am Journalismus erforschen.

Kritik, Utopie, Lösung

Alexis von Mirbach hat sich auf den Weg durch Deutschland gemacht und das Thema in mehreren Arbeitsgruppen bearbeitet. Er schildert in seinem Buch zunächst die theoretischen Grundlagen des Projekts, das sich an den Zukunftswerkstätten von Robert Jungk orientiert, die die Stufen Kritik, Utopie und Lösung beinhalten.

Der konkrete Arbeitsplan ist nach dem Prinzip der Heldenreise aufgebaut und besteht aus fünf Sitzungen. Der Autor beschreibt lebendig und sehr persönlich, was er dabei erlebte. Akribisch genau hat er die sehr kritischen Gespräche in Zwickau, München, Leipzig, sowie Statements der Teilnehmenden und von Arbeitsgruppen dokumentiert.

Alexis von Mirbach
Beim Zukunftslab „Ernährung“. Foto: Kathleen Ellmeier

Ab Seite 220 kommt der Landkreis Miesbach ins Spiel. Ausgangspunkt war eine Mail von Johanna Reichel aus Holz, die Michael Meyen ihre Mitarbeit am Projekt anbot. Zu einem ersten Treffen mit Alexis von Mirbach wurde auch ich eingeladen und fand das Konzept von Media Future Lab spannend. Ich fragte, ob wir es für unser laufendes „Zukunftsforum“ im Rahmen der Initiative „anders wachsen“ benutzen dürfen. Er stimmte zu und leitete ein paar Wochen später einen Workshop zur Einweisung der Bürger-Moderatoren. Daraus entwickelten sich 15 Labs zu verschiedenen Themen, ein Baustein des Zukunftsforums.

Logo Zukunftsforum

Zurück zum Buch. Die drei anderen Teilnehmerinnen in Holz Johanna, Tamara und Sonja arbeiteten an ihrer Version des Media Future Lab weiter und entwarfen ihre Vision eines „inspirativen Journalismus“, der sich an der Methode des IKIGAI orientiert. Sie sehen die Lösung der Medienkritik in einer gesellschaftsumspannenden Bewegung, die alle Bereiche durchdringt. Alle vier Facetten des IKIGAI für den Journalisten Wertschöpfung, Gesellschaft, Handwerker und Künstler/Philosoph müssten ausgewogen versorgt sein. Und das könne dann als Keim für eine neue Gesellschaftskultur dienen.

Alexis von Mirbach
Alexis von Mirbach mit Marc-Denis Weitze und Rüdiger Obermeier (v.l.) bei der Präsentation des Zukunftsforums im Waitzinger Keller 2022. Foto: Petra Kurbjuhn

Das Projekt des Bürgerbuchs startete im Jahr 2018. 2021 wurde von allen Intendanten der ARD der Zukunftsdialog beschlossen. In fünf Phasen gab es Bürgerbefragungen, an denen etwa 200 Medienkonsumenten teilnahmen.

Im abschließenden Kapitel vergleicht Alexis von Mirbach die beiden Projekte sowohl methodisch als auch inhaltlich und findet viele Gemeinsamkeiten. Der Unterschied besteht darin, dass alle Teilnehmenden des Bürgerbuchs bei der Stange blieben, während im ARD-Zukunftsdialog etwa 30 Prozent auf der Strecke blieben.

Gegen Haltungsjournalismus und für Meinungsvielfalt

Ganz klar sprechen sich beide gegen Haltungsjournalismus und für Meinungsvielfalt aus, im Bürgerbuch werden darüber hinaus die institutionellen und strukturellen Bedingungen thematisiert. Beide sprechen sich für Dialog und Transparenz aus, wobei im Bürgerbuch die Offenlegung von Abhängigkeitsstrukturen im Journalismus gefordert werden.

Bei der Digitalisierung gebe es die größten Unterschiede, schreibt der Autor. Kritik an den Mediatheken gab es beim ARD-Zukunftsdialog. Das Bürgerbuch schlägt ein Modell vor, bei dem Mediennutzer nicht nur ein inhaltliches Mitspracherecht ermöglicht, sondern das auch eine materielle Entlohnung für die Beteiligung am Content-Marketing bietet.

Ländliche Blickwinkel

Beim Thema Nachhaltigkeit wird die ARD in Zukunft mehr Dokumentationen mit inhaltlicher Tiefe zur Klimakrise konzipieren. Im Bürgerbuch allerdings geht es um umfassendere Sinnzusammenhänge, beispielsweise um eine gemeinsame Gesprächskultur über Grabenkämpfe hinweg.

Die Vielfalt der Gesellschaft will die ARD künftig besser abbilden und auch den ländlichen Blickwinkel einbeziehen. Das Bürgerbuch beinhaltet das Modell des Freiwilligen Journalistischen Jahres, das eine sozial gerechte Teilhabe konkret umsetzbar macht.

Als Kondensierten Medientraum stellt Alexis von Mirbach institutionelle Reformen vor. In seinem Buch wird der Wunsch nach einem Gremium laut, das Experten und Bürger vereint. Konkret wird ein Rat für Nachhaltiges Informieren vorgeschlagen.

Die Handlungsempfehlung der Bürgerkonferenz lautet:
„Wenn die regierende Politik in einer polarisierten Gesellschaft daran interessiert ist, die Vertrauenskrise in die westlich-liberale Demokratie zu überwinden, dann gelingt dies … am besten durch direktdemokratische Reformen bei sekundären Institutionen, wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.“

Nach der Pandemie warten die nächsten Krisen auf uns, stellt der Autor fest. Diese zu bewältigen, erfordere neue Formen pluraler Debatten ebenso wie eine Überwindung des Streites um das richtige Wissen, wobei es sich eigentlich um einen Streit zwischen Weltbildern handle.

Deshalb gehe es weniger um wissenschaftliches Wissen, sondern mehr um divergierende Werte, Interessen, Weltbilder und die Frage was das „gute Leben“ ist. Der Autor schließt in der Hoffnung, eine Brücke für die beiden Seiten gebaut zu haben.

Alexis von Mirbach „Medienträume“ – Ein Bürgerbuch zur Zukunft des Journalismus, Herbert von Halem Verlag 2023.

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